Der Zufall wollte es so. Ein Blick ins Programm vom Cotton Club: Michele Biondi und keine Ahnung, wer das ist. Ich selbst wollte die Kontakte mit dem neuen Chef des CC neu knüpfen, zahle an der Kasse meinen Eintritt und gehe rein. Noch mäßig besucht schaue ich mich um nach gekannten Gesichtern. Ja, einer meine Freunde aus der Stehreihe war da. Die Konzertankündigung sagt Blues und das ist ja auch mein eigener Geschmack und Stil. Dann kann ja nichts schiefgehen. Auf der Bühne eine hölzerne Resogitarre, ein Fender-Amp und ein Mikrofon. Michele Biondi schnappt sich seine Gitarre, setzt sich auf den Barhocker, stimmt ein wenig sein Arbeitswerkzeug und dann geht es los. Und es lässt mich aufhorchen: Zuerst ein einfacher Song „Down by the river“, hämmerndes Fingerpicking, gebetsmühlenartiges Herunterbeten seiner Geschichte über seine Reise am Fluss. Eine Reise, die jeder Bluesmusiker mal am Urvater der Flüsse, nämlich am Mississippi machen möchte. Auch wenn es letztendlich auch nur der Heimatfluss ist, der sich aber im Mondlicht und bei einer kalten Brise genau so wie der Mississippi anfühlt. Michele ist am Anfang noch etwas unsicher im Gitarrenspiel, da er heute ganz alleine das Publikum unterhalten muss. Aber von Stück zu Stück kommt seine Sicherheit zum Vorschein. Und als er seine Gitarre umstimmt und das Bottleneck herausholt, ist er der Blueser, wie wir uns das so vorstellen. Seine Songs, die er zum größten Teil selbst geschrieben hat, hämmern wie die Gefangenen oder Sklaven die Nägel, die sie in die Gleise eindreschen. Die Atmosphäre in Cotton Club dampft. Nein – Michele ist nicht der brilliant scheinende Diamant, sondern das glühende Stück Kohle, das raucht und die alte Lokomotive vorwärts treibt. Ein lupenreiner Kohlenstoff auf der Bühne des Cotton Clubs. Die Zuschauerzahl steigt und immer neue Gäste treten in den alten Club ein. Michele Biondi schafft es auch als Italiener mit Englisch, die Leute in seinen Bann zu ziehen, animiert sie zum Mitklatschen und Mitsingen. Bei Midnight Special brechen dann die Dämme und das Publikum lässt sich ohne Begleitung auf den Song ein. Michele dirigiert und das Publikum folgt ihm hörig.

Nach dem Konzert über 3 Sets komme ich mit Michele ins Gespräch. Ja, er ist Italiener und wohnt in der Toskana . Und er ist schwer vernetzt, tourt mit seinen Partnern in USA und natürlich auch in Europa. Er plauscht gerne mit dem Publikum und mit Musikerkollegen wie mich über Tonabnehmer und andere Themen. Und er verkauft CDs. Zum Konzert hatte er die 2020er Produktion „Down by the river“ und das 2010er Album „A better life“ dabei, das unter seinem Spitznamen Matt Biondi bzw. Matt Biondi Crew produziert wurde. Viele der heute gehörten Songs und auch namhafter Covernummern wie z.B. „Come on in my kitchen“ sind dort in der Bandversion zu hören. Und so wurde ich ein zweites Mal an dem Abend positiv überrascht: Das Album ist fulminant instrumentiert und kraftvoll eingespielt. Micheles Stimme hebt sich mit seinem leichten italienischen Slang sehr schön ab und läßt den Hörer aufmerksam zuhören. Und was wie immer dem Redaktör gefällt: Das Cover bzw. Booklet hat viel Bilder, Informationen zum gesamten Produktionsteam und natürlich die Texte der eingespielten Songs

Für mich war das ein fantastischer Abend in zweierei Hinsicht: Michele Solo mit Songs, die den Hörer mit einer tollen Intensität mitnehmen und 2 CDs, welche die meisten gespielten Songs noch mal bei meiner Autofahrt nach Hause kraftvoll zurück ins Gedächtnis brachten.

Kontakt:

http://www.michelebiondiblues.com/

Video:

Mehr vom Cotton Club unter neuer Führung:

https://www.cotton-club.de