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Der Autor kann mal wieder nicht verhehlen, dass es massive Sympathien zur Musik von Geier Sturzflug und zu Friedel Geratsch gibt. Beide werden seit Jahren von MunichTalk mit Begeisterung verfolgt und jede neues Album mit Genuss rezensiert. Hier also das neueste Album „Trotzdem“, das im Januar 2023 veröffentlicht wird. Auf dem Album kann der geneigte Fan 14 Songs meist aus der Feder von Friedel Geratsch hören, wobei der Song „Bruttosozialprodukt 2023“ eine Coverversion eines Songs aus dem Jahr 1982 – Gut und exakt gecovert mit einer leichten Prise Ska.  Neben der enormen Kompositionspräsenz der Schlüsselfigur dominiert sein Konterfei mehrmals das sonst dünn besetzten Cover. Über die Historie der Band kann man im Internet nachlesen und sollte wegen des Bekanntheitsgrades daher auch nicht das Thema sein. Wer Geier Sturzflug nicht kennt, hat nicht in den 80ern gelebt.

Jetzt aber zu den Songs. Der perfekte Start ins Album ist „Der perfekte Augenblick“, der zu jeder Zeit präsent ist, wenn man den Augenblick nutzt. Da gibt es Liebesschwüre oder auch nur Pommes, die jenen Augenblick perfekt machen. Man muss es nur sehen und für sich nutzen wollen. Rasant geht es mit „Trotzdem“ weiter. Schneller Ska, der so schnell ist, dass wir trotzdem oder erst recht mit einen tollen Orgelsolo weiterhören müssen. Friedel Geratsch ist ein Meister des gesungenes Wortes. Er findet für viele Situationen die gefällige Beschreibung, um sein Thema an den Mann oder die Frau zu bringen. Der peitschende Drive von „Irgendein Scheiß ist immer“ wiegt den Hörer in Sicherheit –  Hauptsache es wird nicht schlimmer. Ein Wunsch, den wir seit Anfang von Corona innehaben und sich durch den Ukrainekrieg leider nicht verbessert hat, weil „irgendein Scheiß ist immer“.

Den Deutschen auf’s Maul geschaut und Sprech- und Redewendungen zum Absurdum führen: „Ey Digger ich schwör“ ist die meist verwendete Spruch, der in den Medien abgelassen wird, um seine eigene Unglaubwürdigkeit zu kaschieren. Geier Sturzflug nimmt aber auch Stellung: Gleichberechtigung, keine Diskriminierung, gleiches Recht für Alle. „Jeder Kopf ist anders“ zeigt uns, dass wir alle unterschiedlich sind. Es liegt an uns, die Gedanken zu ändern und die Suppe bunt zu machen. In diese Kerbe haut auch „People of Color“. Wenn uns die Musiker der Erde nicht auf den Antidiskriminationspfad führen, wer soll es dann sonst tun? In jedem Song findet sich ein Gedanke, der uns alle leitet oder leiden lässt. Der Wiedervereinigungstraum ist in vielen Punkt ausgeträumt oder verblasst. „Jäger der verlorenen Gefühle“ beschreibt gerade diesen Zustand. Aber Geier Sturzflug kann auch positiv. In „Seriös“ wird der offensichtlich nicht seriöse Zustand der Freude oder der guten Laune gepredigt. Ein schneller Takt, harte Riffs, peitschende Harplicks und der Slidesound einer CBG peitschen den Song ins Hirn. Genauso schnell kommt „Rock hart“, und die Geschwindigkeit als Lebensgefühl. Egal was es kostet: Schneller und harter Rock muss es sein. Auch hier wird die Message durch den Sound der Band reingepeitscht. Gitarrenriffs wechseln sich mit Harptunes ab. Und der Gesang predigt den Rock. Das Ganze wird noch mal durch einen Brake mit Bläsereinsatz am Ende verstärkt. Dann ein Tritt auf die Bremse, langsamer geht es weiter mit „Es hört nicht auf“ weiter. Der Rhythmus schleppt im Reggaegroove. Friedel Geratsch fabuliert, aber der Sinn erschließt sich nicht sofort. Den Song muss man zwei Mal hören, damit es sitzt. Eine Binsenweisheit verrät „Die kürzesten Beine“, weil sie den weitesten Weg haben. Aber auch hier ist eine Nachricht verhüllt und läßt sich so verstehen: Also komm mir doch entgegen. So weit – so gut!

Wir sind alle „People of color“ und somit alle gleich, basta! Ausgrenzung geht gar nicht, Hautfarbe ist egal. Die Natur hat Milliarden Modelle im Regal. Mit einem Song lässt es sich am ehesten dem Leser ein Text nahebringen, wenn man den Inhalt noch präsenter machen will. Die Musik wird für einen Augenblick das Transportmittel. Der sehnsüchtige Blick nach Gestern, nachdem man das Morgen am Horizont ahnt und der „Ärger mit der Zukunft“ sich abzeichnet. Wenn man Friedel Geratsch kennt, kann die Antwort nur sein: Noch mal in die Hände gespuckt und der Kapitän reißt das Ruder herum. Der vorletzte Song ist wieder schnell und rhythmisch, weil „Ohne Bum kein Bäm“ und nur das treibt die Band und uns nach vorne oder auch ohne Feuer kein Rauch. Der letzte Song ist wie oben bereits erwähnt eine Coverversion der NDW-Kapelle der 80er.

MunichTalk Resumeé: 

Was gefällt mir an Geier Sturzflug? Die Alben und auch „Trotzdem“ sind immer eine Situationsanalyse , die durch die Fabulierkunst von Friedel Geratsch zu einer Peitsche wird. Er heizt mit Worten ein, kritisch nachzudenken und was die Worte nicht schaffen, macht der Rhythmus: Ska, Reggea und Rock gespielt mit den Instrumenten der 80er: Orgel, Saxofon, Bluesharp und die CigarBoxGuitar, das heutige Markenzeichen von Friedel Geratsch und somit auch von Geier Sturzflug. Das Album wurde massgeblich mit Karsten Riedel (Der Mann ohne Lächeln) eingespielt. Das Langzeitmitglied  Carlo von Steinfurt (der Mann mit der Sonnenbrille) und das Neuzeitmitglied Reiner Hundsdoerfer sind ebenso erwähnt. Diese Hand voll Musiker geben Friedel Geratsch den Rahmen, um seiner Leidenschaft des Textens und CGB-Spielens zu frönen. Wieder ein herrliches Album mit deutschen Texten, die jeder verstehen kann und muss. Wieder ein herrliches Album mit unserer Musik der 80er Jahre ins heutige Jahrzehnt der inhaltslosen Musik erfolgreich portiert

MunichTalk Hörtipp:

„Trotzdem“ weil schnell, „Irgendein Scheiss ist immer“ weil schnell und zeitgemäß, „Ohne Bum kein Bäm“ weil schnell, rhythmisch und Musikercredo

Musiker: 

Karsten Riedel, Friedel Geratsch, Carlo von Steinfurt, Reiner Hundsdoerfer, Otto Staniloi (Sax)

Titelliste:

01 Der perfekte Augenblick
02 Trotzdem
03 Irgendein Scheiß ist immer
04 Ey Digger ich schwör
05 Jeder Kopf ist anders
06 Jäger der verlorenen Gefühle
07 Seriös
08 Rock hart
09 Es hört nicht auf
10 Die kürzesten Beine
11 People of Color
12 Ärger mit der Zukunft
13 Ohne Bum kein Bäm
14 Bruttosozialprodukt 2023

Links und Bezugsquellen:

https://www.timezone-records.com/kuenstler/details/geier-sturzflug/

https://www.40-jahre-geier-sturzflug.de/

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