Jimmy Reiter – Live


Was machen gewiefte Musiker, wenn ihnen in einer weltweiten Kulturkrise mangels Liveauftritten die finanzielle Basis wegbricht? Sie bringen ein Livealbum heraus. Zum 15.1.2021 veröffentlicht Jimmy Reiter das neues Album „Live“ und es ist phantastisch. Das Album hat 14 Songs, davon sind 6 Coversongs und 5 eigene Songs von Jimmy Reiter und 3 Songs mit Jimmy Reiters Beteiligung. Mit dem Auftritt am 9. Januar 2020 im Osnabrücker Blue Note gab es sozusagen die letzte Gelegenheit vor dem kulturellen Shutdown, noch einen Gig zu spielen und ihn auch aufzunehmen. Die CD kommt im 3-seitigen Pappcover, lediglich 2 Bilder auf der Innenseite, der Songliste und viel Danksagung und Referenzen. In Kombination mit dem Konzert am 4. April 2019 im Wiener Reigen ist ein vielfältiges Album herausgekommen, dass eine große Bandbreite von Songs in sich birgt. Getragen wird das gesamte Album von Jimmys Stimme aber mehr noch von seinem Gitarrenspiel und durch den massiven Sound der Bläser. Was kann schon erwarten, wenn am in Osnabrück zu Hause ist und bei Todor „Tosho“ Todorovic unterrichtet wurde: Feinsten R&B und Blues.

Das Album startet mit „Waiting for my luck to change“. Ein Satz, mit dem derzeit viele Menschen schwanger gehen, weil sie verunsichert in die Zukunft blicken. Ein langsamer Boogie, die Gibsongitarre blubbert und die Orgel wimmert glasig. Und dann eine paar unerwartete Akkorde, die überraschen und den Hörer aus dem Bluestrott holen. Im gleichen Stil folgt „What you need“. Jimmy beweist, dass ein guter Bluessong nicht nur aus 12 Takten und 3 Akkorden besteht und sehr melodisch sein kann. Ein schöner Song über die verblendeten Vorstellungen im Leben. Dann nimmt das Tempo mit „What’s in it for me“ deutlich zu. Schneller Drumbeat und staccatoartige Akkorde treiben das Tempo nach vorne und immer wieder ein phantastisches Gitarrensolo. Und dann ein nahtloser Übergang mit Stilwechsel zu „Too many cooks“. Der Sound gleicht eher einer Balkanpolka, aber das Saxophonsolo holt uns wieder zurück zum Blues. Die Küche wird zum Sinnbild über Zusammenarbeit und Leadership: Nur Einer (oder sie und er) kann der Küchenmannschaft sagen, wo es lang geht. „I shouldn’t But I do“  ist die endlose Auflistung von Fehlern, wo man vorher schon weiß, dass es schief geht.  Mit „Hard times“ nimmt Jimmy Reiter unbewusst die noch kommenden harten Zeiten des Jahres voraus. Der Song von Luther „Guitar Jr“ Johnson ist ein Blues, der aber durch die Bläser und Keyboardunterstützung unheimlichen Antrieb hat. In der Auflösung des Songs zwei einpeitschende Akkorde, welche die harten Zeiten erahnen lassen. Und immer wieder die perkussiv gespielten Gitarrensolos, die in einem Atemzug Solospiel und Akkordfolgen verflechten. Es ist überhaupt eine typische Arrangementweise dieses Albums, sich nicht dem old school blues mit 12 Takten und 3 Akkorden hinzugeben, sondern die Akkordreihenfolge immer wieder aufzubrechen und die Spannung zu erhöhen. Mit „Woman don’t lie“ wird die Marschrichtung geändert und Jimmy spielt Funk. Ein griffiges Riff, ein Piano in Rhodessound, treibender Rhythmus und dann eher sparsam aber wirksam arrangiert. Da kann man nicht mehr stillsitzen und nur zuhören. Das Gitarrensolo peitscht und es kommt Bewegung beim Zuhörer ins Spiel. Mit „It’s easy when you know how“ kommen die Bläser wieder zurück, denn Jimmy weiß ja, wie es geht. Mit „I’m givin‘ in“ stellt sich einer der Höhepunkte des Albums ein. Ein langsamer Blues mit wuchtigen bläsergetragenen Intro, um sich dann auf nur einen Akkordwechsel zu beschränken, den Text über Liebe und Verlust zu predigen und sich wieder in eine wuchtige Auflösung zu ergehen. Ein phantastischer Song mit tollen Arrangementwechseln zwischen Gesang/Gitarre und Gesang/Bläsern. „Hooked“ stammt aus der Feder von Jimmy Reiter und Doug Jay, der wiederum eine weiteres Bluesgewächs aus Jimmy Dunstkreis ist. „Hooked“ ist eine Boogie, der durch die Stimme von Stimme von Jimmy Reiter brilliert und einem strammen Bluesrhythmus wie „abgeschleppt“ folgt. Ein weiterer Höhepunkt des Album ist „Who’s Minding the Store?“. Der Gesang peitscht, die Bläser treiben und auch hier wieder Harmonien und Akkorde, die weit über das Normale des Blues hinausgehen. Ein Song von Alain Toussaint im strammen 4/4 Takt, den Jimmy Reiter auf seinem Album „What you need“  als Studioversion bereits mal eingespielt hat. Den Abschluss macht „Jimmy’s Boogie“, ein 100%iges Instrumental reich bestückt mit Licks, Riffs und Rhythmusteilen, wie es nur die wahren Gitarristen hinbekommen, deren es in der heutigen glattgeschliffenen Musikbranche kaum noch gibt. Fast gebetsmühlenartig spielt Jimmy über weite Strecken des Instrumentals alleine und wird nur gelegentlich von der Band kurz für einen halben Takt unterstützt, um dann gleich auf das nächste Riff überzugehen. Erst im letzten Drittel ist die Band wieder komplett on board und unterstützt Jimmys Rifffeuerwerk. Eine der besten Nummern des Albums und am Besten nur  „live“ zu genießen. 

Munich Talk Hörempfehlung: „Hard times“ weil es ein harter Blues über harte Zeiten ist, wie wir sie zur Zeit hart durchleben – „Who’s minding the store“, weil es R&B-chartverdächtig ist und das Rifffeuerwerk „Jimmy’s Boogie“.

Munich Talk Resumée: Dieses Album empfiehlt das Christkindl – Eine phantastische Kombination von Blues mit Bläsern zusammen mit Jimmys packenden Gitarrenspiel der alten Licks und Tunes jenseits der 12-Bar-Blues in der Stimmung eines Livekonzerts, wie wir es heute alle vermissen und so geschenkt bekommen.

VÖ: 15.01.2021

Erhältlich und vorbestellbar: https://www.jimmyreiter.de/de/cds-lps-und-dvds.html 

Titelliste:

  1. Waiting For My Luck To Change
  2. What You Need
  3. What’s In It For Me?
  4. Too Many Cooks
  5. I Shouldn’t But I Do
  6. Hard Times (Have Surely Come)
  7. I’ll Take The Easy Way
  8. Give It To Me Straight
  9. Woman Don’t Lie
  10. It’s Easy When You Know How
  11. I’m Givin‘ In
  12. Hooked
  13. Who’s Minding The Store?
  14. Jimmy’s Boogie

Band:

Jasper Mortier Bass

Björn Puls Drums

Nico Dreier Keyboard

Dmitry Suslow Tenorsax

Jürgen Wieching Baritonesax

Links:

https://www.jimmyreiter.de/de/

Videos:


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