Mitte 2017 kam das 3. Album „Sanctified“ des Familienbetriebs Low Society auf dem Markt. Wer ein bisschen auf den neuen amerikanischen Bluesmarkt schaut oder die Touren amerikanischer Künstler im Laufe diesen Jahres verfolgt hat, dem ist diese Band sicherlich aufgefallen. Ersten ist die platinblonde Sängerin Mandy „Nikides“ Lemons ein singender Derwisch und zweitens haben sie  als Vorband von Popa Chuppy einiges Konzerte in Europa eröffnet. Mandy Lemons ist mit ihrer extrovertierten Show sicherlich ein Aushängeschild der Band. Aber die Band auf Mandy Lemons zu reduzieren, ist falsch. Hinter ihr steht in erster Linie ihr Mann Sturgis Nikides an den vielfälltigen Gitarren und gerade er ist mit den Mitmusikern der Band der Gegenpol oder der Kontrapunkt, der Mandys Gesangsenergie einen geordneteren Rahmen gibt. Wenn Mandy Lemons mit ihre gewaltige Stimme zum Dauerfeuer einsetzt, gibt Sturgis Nikides den Takt und den Rahmen vor. Ein Blick auf eines der vielen Livevideos belegt genau diese Dualität der Low Society Band.

„Sanctified“ kommt in Pappcover mit allen Produktionsdaten, Bildmateriel und hat insgesamt 10 Titel. Erschienen ist es bei rezonate records. Jeweils der erste und der letzte Titel sind Coverversionen, so z.B. „I’d rather go blind“. Mandy Lemons schafft es ein wenig, aus dem Schatten von Interpreten wie Etta James herauszutreten, es bleibt aber eine eher milde Version. Alle anderen 10 Songs sind Titel, welche vom Musikerpaar Nikides/Lemons selber stammen. Und hier ziehen die Beiden alle Register des Blues und vor allem der stimmlichen Interpretation des Blues. Mandy Lemons singt immer auf den Punkt. Selbst wenn die Stimme überdreht, sitzt trotzdem die nächste Note wie das berühmte Drei-Wetter-Haarspray. Dahinter ist eine präzise spielende Band, die z.B. für die Riffs als Gegenpunkt zum Gesang sorgen. Das Album startet gemächlich mit „Angel From Montgomery“ als Cover der John Prine Nummer. Es ist eine Reminiszenz an Frauen im höheren Alter. Aber gleich mit „Raccoon Song“ kommt der Hörer auf eine typische Low Society Nummer: Ein knallhartes Gitarrenriff und dann Mandy Lemons Gesangspart, der die Message des Songs dem Hörer energiegeladen einpeitscht. Der Song bleibt auf einer Harmonie, was den Drive der Nummer noch mehr unterstreicht. Aber die Band kann auch anders. Mit „The Freeze“ nimmt die Band einen Gang zurück – Zwei einfache Gitarrenharmonien und irgendwann die Auflösung, um danach erneut den musikalischen Kältedolch anzusetzen. Nicht dass der Song kalt ist, es ist das übermächtige Gefühl der Kälte, was den Song ausmacht. Mit „Sanctified“, dem Titelsong nimmt das Album eine Wendung: Country Boogie. Mandy Lemons beschwört in diesem Song, dass der Blues heilig oder die Mittel zum Blues geheiligt sind. Ein Merkmal dieses Album ist die Vielfältigkeit der Songs: Die eben genannten Songs umstreichen schon einige Varienten des Blues, wie ihn die Low Society so sieht und interpretiert. „Rivers of Tears“ ist wiederum eine Ballade. Die Nummer ist für mein Dafürhalten die bessere Interpretation des „I’d rather go blind“-Themas. Schöne Slidegitarre und Mandy Lemons singt sanft und einfühlsam. Einer der besten Songs ist aber „Nina“. Hier geht es um das Leben und den sozialen und politischen Wirkens von Nina Simone. Der Song startet mit einer akustischen Gitarre, improvisiert ein wenig, stellt eine ruhige Atmosphäre her bis eine Gitarrensequenz dem Gesang die Eröffnung bietet – Can’t you hear the ringin‘ of the bell? Eine Respekterweisung an „Nina“! Und dann wieder der harte Blues: „Drowning the Blues“. Der Gemahl ergreift dieses Mal selbst das Mikrophon. Ein Riff, der Gesang dazu, der Refrain von Mandy Lemons unterstützt und die Improvisation mit der Slidegitarre dazu. Rockiger, ehrlicher Bluesrock. Und wieder ein Kehrtwendung im Programm mit „New York City Boy #3“, eine Ballade, die wieder die sanfte Seite der Band zeigt. Slidegitarre und Akkordeon unterstreichen den Country Folk Blues. Bevor das Album mit „I’d rather go blind“ endet, gibt die Band noch eine letzte eigene Nummer zum Besten. „Here comes the flood“ setzt auf einen Bluesriff auf, was erst auf den 12-Takter baut, aber dann ein wenig vom traditionellen Pfad abweicht und die Nummer dadurch wieder dem Hörer interessanter macht.

MunichTalk Tipp: „Nena“ und „The Freeze“ – weil toll instrumentiert und interpretiert.

MunichTalk Resumeé: Keine Angst vor der wilden Frau –  Das Album ist abwechslungsreich und zeitgemäß – Mandy Lemons Stimme und Sturges Nikides in idealer Symbiose.

Songliste:

1 Angel From Montgomery 04:26

2 The Raccoon Song 04:35

3 The Freeze 05:54

4 Sanctified 04:45

5 River Of Tears 04:24

6 Nina 07:23

7 Drowning Blues 04:41

8 New York City Boy #3 03:36

9 Here Comes The Flood 04:24

10 I’d Rather Go Blind 06:25

Videos:

 

Links:

https://www.screaminblues.com/ 


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